Eros als großer Dämon – ein Fernsehspiel von Josef Pieper zu Platons Symposion

Paderborn - 26.10.2010

 

Zum Auftakt der Montags- akademie sprach der Rektor der Theologischen Fakultät und Leiter der Josef Pieper Arbeitsstelle, Prof. Dr. Berthold Wald, über das Thema: Eros als großer Dämon – ein Fernsehspiel von Josef Pieper zu Platons Symposion. Einleitend erläuterte er die These eines der letzen öffentlichen Vorträge von Josef Pieper, „Alles Glück ist Liebesglück“. Der Mensch ist seinem ganzen Wesen nach ein Suchender, und das bedeutet: Er ist zuerst ein Liebender, noch bevor er ein Erkennender ist. Die Grundform der Liebe ist die erotische Liebe, deren Ambivalenz zugleich Chance und Risiko sein kann. Diese These wurde in einem Filmausschnitt aus Piepers Fernsehspiel über das platonische Symposion anschaulich vor Augen geführt. Zu sehen war eine Art antiker Talkshow, worin eine Herrenrunde die verschiedenen Aspekte des Eros diskutiert.

 

Wie Prof. Wald in seiner anschließenden Interpretation hervorhob, war das antike Meinungsspektrum durch zwei gegensätzliche Pole bestimmt, an denen die Ambivalenz des Eros deutlich wird. Der eine Pol ist anthropologisch bestimmbar und besteht in dem Gegensatz von Selbstbeschränkung und Selbstüberschreitung. Wer in der Liebe nur sich selber sucht, verspielt gerade so das Glücklichsein. Denn Glück ist etwas Zweites und nur als eine unintendierte Folge der Selbstüberschreitung möglich, wodurch der Liebende wirklich Anteil gewinnt an der Existenz des Anderen. Der andere Pol ist religiös-metaphysisch bestimmbar als Gegensatz von Immanenz und Transzendenz. Wo die Liebenden die tiefste Erfüllung so von ihrer Liebe erhoffen, das kein Raum mehr bleibt für die Beziehung auf den Ursprung und das Ziel ihrer Existenz, wird die Liebe überfordert und kann scheitern.

 

Vielmehr ist der Eros, wie es Sokrates sich von einer priesterlichen Seherin hat gesagt sein lassen, ein großer Dämon: der mächtigste Vermittler zwischen Mensch und Gott, der den wahrhaft Liebenden über sich hinaus führen will. Die vielfach mißverstandene „platonische Liebe“, also die Preisgabe – nicht die Verachtung – der menschenmöglichen Erfüllung in der Liebe zwischen Mann und Frau zugunsten eines höheren Gutes, ist so bereits von Platon als die äußerte Möglichkeit des Menschen gesehen worden. Menschliche Glückseligkeit kann zwar in diesem Leben beginnen aber nicht ihre letzte Erfüllung erreichen.

 

Wenn Platon hierin Recht hat, dann sind die modernen Erscheinungsformen des Erotischen, die Reduktion auf eine banalisierte Sexualität und deren Überhöhung zum Rechtsanspruch, Anleitungen zum Unglücklichsein, nicht zuletzt auch zum Unglücklichmachen des Anderen. Die brutalen Formen sexueller Gewalt sind nur der öffentlich sichtbare Ausschnitt einer fehlgeleiteten und verzweifelten Suche nach Glück.


In der größeren Welt Zum Menschenbild bei C.S. Lewis und Josef Pieper

Paderborn 21.06.2010 – Theologische Fakultät. Prominent und international besetzt war die wissenschaftliche Tagung „In der größeren Welt. Zum Menschenbild bei C.S. Lewis und Josef Pieper“, die vom 18.-19. Juni 2010 in der Theologischen Fakultät Paderborn als Veranstaltung der Josef Pieper Arbeitsstelle stattfand. C.S. Lewis und Josef Pieper, beides viel gelesene Philosophen des 20. Jahrhunderts, haben die elementaren Grundfragen des Menschen nach Gott, Mensch, Welt und Gesellschaft in eine allgemein verständliche Sprache gefasst und erörtert. Für ein tieferes Verständnis, das zur wirklichen Annahme führt, braucht es aber je neu die Auseinandersetzung mit dem Denken der Philosophen.

 

Unter der Leitung des Paderborner Philosophen und Leiters der Josef Pieper Arbeitsstelle Prof. Dr. Berthold Wald und Dr. Thomas Möllenbeck, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Paderborn, befasste sich die Tagung mit philosophisch weithin unbedachten Existenzmöglichkeiten des Menschen, die mit seinen Grunderfahrungen von Schmerz, Sehnsucht und Glück zwar eröffnet, aber zureichend erst im christlichen Menschenbild bedacht worden sind. Solche Erfahrungen sind darum für Lewis und Pieper von besonderem Erkenntnisinteresse, weil sie sich der Deutungsmacht des wissenschaftlichen Weltbildes widersetzen und die Selbstzufriedenheit einer hedonistischen Lebenshaltung zu erschüttern vermögen.

 

Die Vortragsveranstaltung am Freitagabend stand jedermann offen. So folgten dann auch etliche Zuhörerinnen und Zuhörer, die trotz der allgemeinen Fußballbegeisterung den Weg in das Auditorium Maximum der Theologischen Fakultät gefunden hatten, mit gespannter Aufmerksamkeit den Ausführungen des Münsteraner Professors für Systematische Theologie und Theologische Anthropologie Dr. William J. Hoye. Unter dem Titel Die schmerzhafte Sehnsuchtsfreude bei C.S. Lewis und Josef Pieper machte Hoye deutlich, dass der Mensch bereits in dieser ebenso überraschenden wie intensiven Erfahrung schmerzhaften Verlangens - und einzig darin - jener größeren Welt zu begegnen vermag, die über alle bloße Zufriedenheit und moralische Anständigkeit hinaus seiner Existenzsituation angemessen ist und die von verschiedenen Seiten her im Mittelpunkt der gesamten Tagung stand

Auch ein Großteil der Doktorandinnen und Doktoranden zum Werk Josef Piepers, die sich vor einem Jahr erstmalig zu einem Doktorandenworkshop der Josef Pieper Arbeitstelle getroffen hatten, war der Einladung nach Paderborn gefolgt. Während im Vorjahr die im Werden begriffenen und in der Fragestellung ganz unterschiedlichen Dissertationsprojekte im Mittelpunkt standen, bot die diesjährige Tagung acht ausgewiesenen Pieper- und Lewis-Kennern die Möglichkeit, jeweils eine Stunde zu referieren. Im Anschluß an jeden Vortrag bestand wiederum eine volle Stunde die Gelegenheit, ohne Zeitdruck mit den Teilnehmern zu diskutieren und dabei auch die beiden Denker Josef Pieper und C.S. Lewis virtuell ins Gespräch miteinander zu bringen.

 

Dieses Konzept wurde von allen Teilnehmern als besonders ertragreich gelobt, wie Dr. Möllenbeck am Samstag zum Abschluss des Treffens feststellen konnte. In seinem Eröffnungsreferat hatte er am Freitagnachmittag bereits eine Einführung in das Thema gegeben und betont, dass es das Anliegen beider Philosophen gewesen sei, das vorherrschende reduktionistisch verkürzte Menschenbild aufzusprengen. In möglichst einfacher aber nicht vereinfachender Sprache wollten sie das Bild vom Menschen und der Wirklichkeit im Ganzen neu formulieren, eben jenes christliche Menschenbild, das offen ist für eine größere Welt, die dem existentiellen Verlangen Menschen entspricht und die in der religiösen Sprache der Himmel genannt wird.

Die Beiträge der von der Bank für Kirche und Caritas und Metanexus Institute unterstützen werden bis Jahres ende auch als Buch erscheinen.

Bilder der Tagung


Papst-Brief zur Josef Pieper Arbeitsstelle

Vatikanstadt

4. 7. 2009

 

Exzellenz!

Verehrter und lieber Herr Erzbischof!

 

Mit großer Freude habe ich die Nachricht von der Errichtung einer Josef-Pieper-Arbeitsstelle an der Theologischen Fakultät Paderborn zur Kenntnis genommen. Die Schriften von Josef Pieper über die Kardinaltugenden waren eine meiner ersten philosophischen Lektüren, als ich 1946 das Studium begann. Sie haben in mir die Lust zum philosophischen Denken geweckt, die Freude an einer rationalen Suche nach den Antworten auf die großen Fragen unseres Lebens. Ich habe dabei auch gelernt, daß die großen Denker vergangener Zeiten durch ihr Ringen um die Wahrheit ganz gegenwärtig sind und daß Philosophie nicht veraltet, wenn sie redlich und demütig auf dem Weg zur Wahrheit ist.

 

Von da an habe ich kein Pieper-Buch mehr ausgelassen und bin durch deren Lektüre immer bereichert und erfrischt worden. In meinen Münsteraner Jahren (1963 – 1966) hatte ich dann das Glück, die persönliche Freundschaft des Meisters zu finden, die mich bis zu seinem Tod begleitet hat – eine Freundschaft, für die ich nur Dankbarkeit empfinden kann. Ich weiß, daß es heute Stimmen gibt, die sagen, Pieper sei nicht Philosoph im eigentlichen Sinn gewesen, sondern eher ein philosophischer Schriftsteller, der anderen eine erste Hinführung zur Philosophie geben konnte. Meiner Überzeugung nach ist die Meinung ein großer Irrtum. Wahr ist, daß Pieper keinen Wert darauf legte, Philosophie streng „wissenschaftlich“ im Sinn der heutigen akademischen Disziplin Philosophie zu betreiben. In seinem großen Beitrag über die Interpretation hat er im Anschluß an C.S. Lewis gezeigt, daß solche beflissene Wissenschaftlichkeit eine Art Anästhesie gegen die Frage nach der Wahrheit wird: Die „Wissenschaftlichkeit“ zwingt zur Bescheidung auf das Belegbare, verengt aber so den Blick und schließt dann praktisch die Wahrheitsfrage aus, die nicht im bloß positiv Belegbaren bleiben kann. Gewiß, Pieper wußte auch streng wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben, wie man leicht in der Sammlung seiner Opera omnia sehen kann. Aber er blieb auch unnachgiebig dabei, daß Philosophie über alle regionalen Fragestellungen hinaus Suche nach dem Ganzen ist, das nicht in den von den Naturwissenschaften geschaffenen methodischen Kanon eingezwängt werden kann, sondern eine darüber hinausgehende Offenheit und Weite der Vernunft verlangt. Josef Pieper ist für mich gerade deshalb ein exemplarischer und höchst aktueller wahrer Philosoph, weil er sich durch die Größe der Frage und die Gefahren des Weges nicht einschüchtern ließ, sondern darauf beharrte, daß es die rationale Suche nach dem Ganzen, nach der Wahrheit selbst geben muß und daß erst dies wahre Philosophie ist. Er wußte, daß wir diesen Fragen nur im Zuhören auf die Großen aller Zeiten standhalten können und daß Philosophie bei der Größe ihres Auftrags immer auch bereit sein muß, die Antworten zu hören und zu bedenken, die aus dem Glauben und seiner besonderen Weise des Hörens kommen. Daß er seine Fragen und Antworten ohne die Verkrampfung einer überanstrengten Gelehrtensprache auch sprachlich schön und verständlich darzustellen wußte, ist für mich ein Zeichen mehr dafür, daß er ein echter Philosoph war. Aus all diesen Gründen ist Pieper heute aktuell und wichtig. So wünsche ich der neuen Arbeitsstelle Gottes Segen für die Aufgabe, die sie sich gestellt hat.

 

Ihnen, verehrter und lieber Herr Erzbischof, gelten meine herzlichen Grüße und Segenswünsche

 

im Herrn Ihr

Benedictus XVI.

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Dimensionen des Menschseins – 1. Paderborner Doktoranden-Workshop zum Werk von Josef Pieper

Findet der „Wille zur Wahrheit“ wieder zur Uni?

Die „Josef Pieper Arbeitsstelle“ fördert seit kurzem systematisch die Auseinandersetzung mit dem Werk Josef Piepers (Von Stefan Rehder)

 

Es ist ein wenig paradox. Obwohl Josef Pieper (1904–1997) zweifelsfrei zu den bedeutendsten deutschen christlichen Denkern des 20. Jahrhunderts zählt und – gemessen an der Auflagenhöhe seiner Schriften und den Zahlen seiner Hörer – gar zu den wirkmächtigsten Philosophen der Gegenwart gerechnet werden darf, scheint ihm doch – zumal an deutschen Universitäten – bislang ein allenfalls mäßiger Erfolg beschieden. Seine klare und verständliche Sprache, sein waches Misstrauen gegenüber geschlossenen Denksystemen, sein gleichwohl reichhaltiges Schöpfen aus der antiken und mittelalterlichen Philosophie, das Pieper, wie kaum ein anderer Philosoph zur Klärung moderner Fragen fruchtbar zu machen verstand, seine luzide Beschäftigung mit Thomas von Aquin – dem einzigen Theologen, der jemals in einem Konzilstext namentliche Erwähnung fand – all das hat erstaunlicherweise dazu geführt, dass Pieper an den philosophischen und theologischen Fakultäten deutscher Universitäten heute ein Schattendasein führt. Man könne, wunderte sich einmal Martin Mosebach, „in Deutschland heute Priester werden, ohne eine Zeile Pieper gelesen zu haben“.

 

Weil damit in der Sache aber noch nichts gewonnen ist, fügt es sich gut, dass die an der Theologischen Fakultät Paderborn im vergangenen Jahr gegründete „Josef Pieper Arbeitsstelle“ (JPA) statt Klage zu führen damit begonnen hat, das Werk des großen Philosophen systematisch zu erschließen.

 

Unter der Leitung des Philosophen Berthold Wald, Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Philosophie und Herausgeber der im Verlag Felix Meiner editierten Werkausgabe, geht es der JPA dabei nicht bloß darum, Piepers literarischen Nachlass vollständig nutzbar zu machen. Durch Anregung und Begleitung akademischer Arbeiten soll auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk Piepers nachhaltig gefördert werden. Aus diesem Grund lud die JPA am vergangenen Wochenende zum „1. Paderborner Doktoranden Workshop zum Werk Josef Piepers“. Während am Samstag den Doktoranden – vier an der Zahl – Gelegenheit gegeben wurde, ihre noch im Werden begriffenen Arbeiten einander sowie weiteren, allesamt an deutschen Universitäten beheimateten Pieper-Kennern vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren, stand die Vortragsveranstaltung zur Workshop-Eröffnung am Vorabend jedermann offen. Und so folgten denn rund 250 Zuhörer, die trotz strömenden Regens den Weg in das Auditorium Maximum der Theologischen Fakultät gefunden hatten, den Ausführungen des Dogmatikers Manfred Gerwing von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die dieser unter die Überschrift „Mehr als Historie – Zur Aktualität der Philosophie Josef Piepers für die Theologie“ gestellt hatte. Ausgehend von Piepers Überlegungen zu dem, was Aktualität meine, legte Gerwing dar, dass eine Philosophie, der es wie Piepers „stets um die Wahrheit zu tun war“, immer aktuell und niemals überholt sei. „Eingebunden in Zeit und Raum“ sei der Mensch zwar „ein geschichtliches Wesen“, dennoch sei er nie bloß „Reflex seiner Zeit“. Der Mensch finde sich vielmehr zugleich auch stets „auf das Ganze der Wahrheit angelegt“ und sei deswegen fähig, „das gegenwärtig Gültige auf Wahrheit hin, dem Bezugspunkt des Denkens, zu transzendieren“. Am Beispiel von Piepers Rede von „der Wahrheit der Dinge“, mit der nichts anderes als „die Erkennbar- und Erforschbarkeit der Dinge“ gemeint sei, entfaltete der Theologe diese näher. Die „Dinge dieser Welt“ seinen keineswegs von unserem Erkennen und Erforschen abhängig. Ihre Wahrheit liege darin, „dass sie, von göttlichem Intellekt schöpferisch erkannt, das sind, was sie sind, wobei ihre Erkennbarkeit zu ihrem Sein gehört. Erkennen sei ein bestimmter Seinsmodus, ein Modus des Da-Seins. Dem Sein könne nichts von außen und von anderswoher zukommen. „Es kann nur zu sich selber kommen.“ Und zu sich selber komme es durch den Intellekt, der das Einzelseiende auf den Seinsgrund beziehe und so „das Seiende als Seiendes im Sein, als von anderen Verschiedenes und als Ding in seinem Wesen aufgehen lässt. Erkennen sei ein „In-Beziehung-Setzen“ oder wie Pieper auch, angeregt durch Guardini, formuliert habe, „begegnende Begegnung“. Die transzendentalen Bestimmungen des Seins („unum“, „bonum“, „verum“) drückten nach Thomas von Aquin, wie Pieper nicht müde geworden sei zu betonen, die „urtümliche Beziehung zwischen Sein und Denken aus“. Gründeten doch „Eins-sein, Wahr-sein und Gut-sein des Seienden in der Erkennbarkeit und Erkenntnis des Wirklichen und zeigen, dass es sich um relationales Sein handelt, um ein Sein, das seine trimorphe Machtfülle dem schöpferischen Intellekt Gottes verdankt“, so Gerwing. Zu den großen gegenwärtigen Herausforderungen innerhalb der Theologie gehöre, dass dem „fragenden und denkenden Zeitgenossen“ nicht nur von Gott geredet werde, sondern dass ihm so geredet werde, dass deutlich werde, dass Gott einerseits „absolute Transzendenz“, zugleich aber auch „absolute Immanenz“ sei. Mensch und Theologie ständen vor der Aufgabe, einerseits von Gott „nicht zu klein zu denken“, andererseits aber auch Gott nicht „in den fernsten Himmel zu rücken, wo er uns letztlich nichts mehr angeht und den wir, weil er uns nichts mehr angeht, deswegen auch getrost vergessen können“.

 

Zuvor hatte Berthold Wald in seiner Einführung gezeigt, dass Pieper keineswegs – wie ihm manche Kritiker vorwerfen – im Mittelalter stehengeblieben sei. „Spätestens seit Kants berühmten drei Fragen“ sei „der Mensch zum zentralen Gegenstand der Philosophie geworden“. Für Kant seien die Fragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?) nur drei Aspekte der umgreifenden Frage „Was ist der Mensch?“ gewesen. „Nicht mehr die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Menschen steht hier im Mittelpunkt.“ Die metaphysische Fragestellung nach dem was ist, werde zurückgebunden an die Frage, was der Mensch wissen oder nicht wissen könne. „Pieper“ habe, so Wald, „in seinem Denken diese Wende zum Menschen mitvollzogen“. So habe Pieper die zentrale Thematik seines Philosophierens im Rückblick einmal als „eine aus den Elementen der großen europäischen Denktradition neu zu formulierenden Lehre vom Sein und Sollen des Menschen“ bezeichnet. „Mit dem Hinweis auf die großen Denktraditionen des Abendlandes“ sei allerdings „schon mitgesagt, dass Pieper solche einschüchternde Denkverbote wie ,nach Kant‘ oder ,nach Nietzsche‘ oder nach wem auch immer, nämlich eine bestimmte Weise zu denken auszuschließen, für nicht sehr überzeugend“ gehalten habe. Piepers Weise, ausgehend vom Menschen die Sinnfragen des Menschen philosophisch ernstzunehmen, hätte allerdings nie mit der Frage nach der Möglichkeit oder der Gewissheit des Wissens begonnen. „Vielmehr sind es unmittelbar diese Fragen selbst, denen Pieper nachgeht in einem genauen, an der gesprochenen Sprache orientierten Denken.“ Dass auch der Leiter der JPA eine Rückkehr Piepers an die Universität für notwendig erachtet, wurde deutlich, als Wald darauf verwies, „seit langem“ bestimme „eine geschichtlich notwendige, auf leidvoller Erfahrung beruhende institutionelle Aufteilung der Dimension des Menschlichen unsere Kultur. Ich meine die Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Vernunft als Ordnungsprinzip liberaler Demokratien mit pluralistisch verfassten Gesellschaften.“ Gegenüber Sinnfragen verhalte sich ein auf öffentliche Vernunft gegründeter Staat neutral. Diese Neutralität sei jedoch nicht voraussetzungslos. „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischen Zusammenleben (...) entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik (...) Dazu gibt es bis heute keine Alternative (...) Wir zehren (...) nach wir vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede“, zitierte Wald Jürgen Habermas. „Damit diese Substanz nicht verlorengeht und gesellschaftlich wirksam bleibt“, müsse es, so Wald, „Vermittlungsorte“ geben, „an denen so etwas wie Aneignung religiöser – oder wie Pieper sagt – heiliger Überlieferung geschehen kann.“ Diese Orte seien „von ganz unterschiedlicher Art, wie auch der Modus der Aneignung sehr verschieden ist: als Erziehung in der Familie; als Bekenntnis in der Kirche und als wahrheitsbezogenes Fragen an der Universität“. Gerade die Universität habe eine „durch nichts zu ersetzende Aufgabe, die mit der Aufteilung von öffentlicher und privater Vernunft noch gewachsen ist“. Pieper habe „sich in all seinen Schriften auf exemplarische Weise dieser Mühe des aneignenden Selberdenkens unterzogen und damit die Aufgabe der Universität in ihrem ursprünglichen Sinn wahrgenommen“. Es sei „gerade heute, dringend geboten, sich dieser Aufgabe erneut zu stellen“. Darum sollte Pieper „zu den Klassikern gehören, die an der Universität gehört und gelesen werden“, forderte Wald und warb – wohl ganz im Sinne von Rektor Bernd Irlenborn, der die JPA in einer kurzen Begrüßung als „echten Gewinn“ bezeichnet hatte: „Wer sich für das Werk Josef Piepers interessiert und die Absicht hat, darüber zu promovieren, der findet nirgends bessere Arbeitsbedingungen als an der Theologischen Fakultät Paderborn.“

 

Und wer weiß? Vielleicht bekommt der „Wille zur Macht“, über den Nietzsche Zarathustra sagen lässt: „alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: (...) es soll sich euch fügen und biegen! (...) Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt“, durch die gewissenhafte Relektüre Piepers in Gestalt eines „Willen zur Wahrheit“ ja tatsächlich demnächst ernstzunehmende Konkurrenz.

 

(Die Tagespost, Nr.83 vom 14.7.2009, Feuilleton)

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Zur Person:

Josef Pieper (1904-1997) war Professor für Philosophische Anthropologie an der Universität Münster; Mitglied mehrerer Akademien; zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der internationale Balzan-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

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