T.S. Eliot über Pieper (1952) Einsicht und Weisheit in der Philosophie

 

Man hört häufig die Klage, unsere Zeit habe, im Felde der Philosophie, nicht gerade Beträchtliches aufzuweisen. Niemals aber ist geklärt worden, ob dieses Versagen seinen Grund habe in einer Erkrankung der Philosophie selber oder in der Hinwendung der zur Philosophie an sich befähigten Köpfe zu anderen Studien oder einfach in einem Mangel an Philosophen. Diese verschiedenen Aspekte der Frage werden leicht durcheinandergebracht. »Wo sind die großen Philosophen?« – das ist nur eine rhetorische Frage, die sicherlich oft getan wird von Menschen, die ihre philosophischen Studien vor vierzig oder fünfzig Jahren betrieben haben. Man mag zugeben, daß möglicherweise die großen Figuren unserer Jugend durch den Dahingang der Zeit eine übersteigerte Bedeutung bekommen haben und daß wahrscheinlich die meisten, die so fragen, die moderne Entwicklung der Philosophie nicht sehr aus der Nähe verfolgt haben. Es bleibt aber dennoch in jener |

 

71    Klage etwas Berechtigtes. Vielleicht bedeutet sie nur die Sehnsucht nach der Gestalt eines Philosophen, dessen Schriften und Vorträge und dessen Persönlichkeit den Geist wachgerüttelt haben. Es kann sich aber darin auch das Bedürfnis äußern nach einer Philosophie in der älteren Bedeutung dieses Wortes – das Verlangen nach einer neuen Autorität, fähig, Einsicht und Weisheit auszusagen.

Für die, welche sich sehnen nach Philosophie in solchem größeren Sinne, ist das am meisten in die Augen fallende Objekt der Rüge der logische Positivismus. Logischer Positivismus ist wirklich eine nicht sehr nährende Kost für solche, die nicht zu der kleinen Schar gehören, die für ihn die entsprechende Beschaffenheit mitbringt. Wenn seine Zeit um sein wird, dann wird es sich, im Rückblick, wahrscheinlich zeigen, daß er für unsere Epoche der Gegenspieler des Surrealismus gewesen ist: wie der Surrealismus eine Verfahrensweise zu liefern scheint, ohne Einbildungskraft Kunstwerke zu produzieren, so der logische Positivismus die Verfahrensweise für ein Philosophieren, worin Einsicht und Weisheit gleichermaßen entbehrlich erscheinen. So mag die Anziehungskraft, welche er auf den unreifen Geist ausübt, zu wenig wünschenswerten Resultaten führen bei manchen, die ihre Elementarstudien unter seinem Einfluß absolvieren. Ich glaube jedoch, daß der logische Positivismus, auf längere Sicht betrachtet, sich als förderlich erweisen wird durch Aufhellungen des Denkens, die wir in Zukunft nicht werden ignorieren können; und selbst wenn manche seiner Wege sich als Holzwege erweisen sollten – es ist schließlich der Mühe wert, einen Holzweg zu erforschen, und sei es nur, um zu entdecken, daß es ein Holzweg ist. Außerdem glaube ich (und das ist wichtiger für mein Thema), daß das Siechtum der Philosophie, dessen dunkle Erkenntnis diejenigen bewegt, die ihren Niedergang beklagen, schon zu lange Wirklichkeit ist, als daß es auf das Schuldkonto irgendeiner besonderen zeitgenössischen Geistesrichtung gesetzt werden könnte.

 

Zu der Zeit, da ich selbst ein Student der Philosophie war – ich spreche von einer fünfunddreißig bis vierzig Jahre zurückliegenden Zeit –, begann der Philosoph zu leiden unter einem Gefühl der Inferiorität gegenüber dem exakten Wissenschaftler. Man hatte das Gefühl, der Mathematiker sei der zum Philosophieren bestgeeignete Mann. Jene Philosophiestudenten, die nicht von der Mathematik her zur Philosophie gekommen waren, machten we|nigstens

72    an der Universität, an der ich meine Studien absolvierte, so gut es ging, den Versuch, den Mathematiker zu imitieren, zum mindesten soweit sie sich bekannt machten mit dem Drum und Dran der symbolischen Logik. (Ich erinnere mich an einen begeisterten Altersgenossen, der sich eine »symbolische Ethik« ausgedacht hatte, für die er verschiedene Symbole erfinden mußte, die in den Principia Mathematica[69] nicht anzutreffen waren.) Darüber hinaus rühmte man ferner eine gewisse Vertrautheit mit der zeitgenössischen Physik und mit der zeitgenössischen Biologie; ein philosophisches Argument, dem Beispiele aus einer dieser Wissenschaften beigegeben waren, galt als gewichtiger denn eines ohne solche Beispiele, selbst wenn die Hilfsvorstellung manchmal ohne Belang war. Nun sehe ich sehr wohl, daß dem Philosophen kein Feld des Wissens verschlossen sein sollte. Der ideale Philosoph müßte vertraut sein mit jeglicher Wissenschaft, mit jedem Zweig der Kunst, mit jeder Sprache und mit dem Ganzen der Menschengeschichte. Solche enzyklopädische Kenntnis könnte ihn bewahren vor einem übertriebenen Respekt gegenüber unvertrauten Disziplinen und vor einer zu weit getriebenen Voreingenommenheit gegenüber den vertrauten. Aber in einer Epoche, in welcher jeder Studienzweig immer weiter sich aufgliedert und besondert, wird das Ideal des Alleswissens immer weniger realisierbar. Und doch ist, wenn einmal der Philosoph sich auf die Wissenschaft zu stützen beginnt, einzig Alleswissen ausreichend. Zwar würde niemand, denke ich, dem Beispiel von Bosanquet folgen, der sich in seiner Logik so ausgiebig auf Beispiele aus Linnés Botanik stützt; aber: während solche Ausbeutung der Wissenschaft durch den Philosophen jetzt vermutlich einer strengen Kritik begegnet, sind wir vielleicht zu sehr bereit, die Schlußfolgerungen des Wissenschaftlers, wenn er seinerseits philosophiert, zu akzeptieren. Eine Auswirkung dieses Bestrebens der Philosophie, sich in den Stand der exakten Wissenschaften zu setzen, war die Illusion, es gebe einen philosophischen »Fortschritt« von solcher Art, wie ihn die Philosophie nicht beanspruchen sollte. Das Ergebnis war Philosophie-Lehrer ohne Wissen nicht bloß von der Geschichte im allgemeinen, sondern gerade von der Philosophie|geschichte

 

73    selbst. Wenn unsere Haltung zur Philosophie bestimmt ist durch die Bewunderung für die exakten Wissenschaften, dann wird die Philosophie der Vergangenheit zu etwas, das überholt ist. Es gibt dann in ihr einzelne Philosophen, von denen einige zwar gewisse Momente des Verständnisses besaßen, deren Werk als Ganzes aber als veraltet und primitiv zu gelten hat. Denn die Philosophie der Gegenwart ist durchaus besser als die der Vergangenheit, da die Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckte; und die Philosophie der Zukunft wird wieder von den Entdeckungen unseres eigenen Zeitalters aus weiterschreiten. Es ist wahr, die Geschichte der Philosophie gilt heute als ein selbständiger Wissenschaftszweig, und es gibt auf diesem Felde Spezialisten; aber ich habe den Verdacht, daß nach der Meinung eines Philosophen der modernen Schule der Philosophiehistoriker mehr ein Historiker ist als ein Philosoph.

 

(Werke 2; 70-75)

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Josef Pieper (1904-1997) war Professor für Philosophische Anthropologie an der Universität Münster; Mitglied mehrerer Akademien; zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der internationale Balzan-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

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