Papst-Brief zur Josef Pieper Arbeitsstelle

Vatikanstadt

4. 7. 2009

 

Exzellenz!

Verehrter und lieber Herr Erzbischof!

 

Mit großer Freude habe ich die Nachricht von der Errichtung einer Josef-Pieper-Arbeitsstelle an der Theologischen Fakultät Paderborn zur Kenntnis genommen. Die Schriften von Josef Pieper über die Kardinaltugenden waren eine meiner ersten philosophischen Lektüren, als ich 1946 das Studium begann. Sie haben in mir die Lust zum philosophischen Denken geweckt, die Freude an einer rationalen Suche nach den Antworten auf die großen Fragen unseres Lebens. Ich habe dabei auch gelernt, daß die großen Denker vergangener Zeiten durch ihr Ringen um die Wahrheit ganz gegenwärtig sind und daß Philosophie nicht veraltet, wenn sie redlich und demütig auf dem Weg zur Wahrheit ist.

 

Von da an habe ich kein Pieper-Buch mehr ausgelassen und bin durch deren Lektüre immer bereichert und erfrischt worden. In meinen Münsteraner Jahren (1963 – 1966) hatte ich dann das Glück, die persönliche Freundschaft des Meisters zu finden, die mich bis zu seinem Tod begleitet hat – eine Freundschaft, für die ich nur Dankbarkeit empfinden kann. Ich weiß, daß es heute Stimmen gibt, die sagen, Pieper sei nicht Philosoph im eigentlichen Sinn gewesen, sondern eher ein philosophischer Schriftsteller, der anderen eine erste Hinführung zur Philosophie geben konnte. Meiner Überzeugung nach ist die Meinung ein großer Irrtum. Wahr ist, daß Pieper keinen Wert darauf legte, Philosophie streng „wissenschaftlich“ im Sinn der heutigen akademischen Disziplin Philosophie zu betreiben. In seinem großen Beitrag über die Interpretation hat er im Anschluß an C.S. Lewis gezeigt, daß solche beflissene Wissenschaftlichkeit eine Art Anästhesie gegen die Frage nach der Wahrheit wird: Die „Wissenschaftlichkeit“ zwingt zur Bescheidung auf das Belegbare, verengt aber so den Blick und schließt dann praktisch die Wahrheitsfrage aus, die nicht im bloß positiv Belegbaren bleiben kann. Gewiß, Pieper wußte auch streng wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben, wie man leicht in der Sammlung seiner Opera omnia sehen kann. Aber er blieb auch unnachgiebig dabei, daß Philosophie über alle regionalen Fragestellungen hinaus Suche nach dem Ganzen ist, das nicht in den von den Naturwissenschaften geschaffenen methodischen Kanon eingezwängt werden kann, sondern eine darüber hinausgehende Offenheit und Weite der Vernunft verlangt. Josef Pieper ist für mich gerade deshalb ein exemplarischer und höchst aktueller wahrer Philosoph, weil er sich durch die Größe der Frage und die Gefahren des Weges nicht einschüchtern ließ, sondern darauf beharrte, daß es die rationale Suche nach dem Ganzen, nach der Wahrheit selbst geben muß und daß erst dies wahre Philosophie ist. Er wußte, daß wir diesen Fragen nur im Zuhören auf die Großen aller Zeiten standhalten können und daß Philosophie bei der Größe ihres Auftrags immer auch bereit sein muß, die Antworten zu hören und zu bedenken, die aus dem Glauben und seiner besonderen Weise des Hörens kommen. Daß er seine Fragen und Antworten ohne die Verkrampfung einer überanstrengten Gelehrtensprache auch sprachlich schön und verständlich darzustellen wußte, ist für mich ein Zeichen mehr dafür, daß er ein echter Philosoph war. Aus all diesen Gründen ist Pieper heute aktuell und wichtig. So wünsche ich der neuen Arbeitsstelle Gottes Segen für die Aufgabe, die sie sich gestellt hat.

 

Ihnen, verehrter und lieber Herr Erzbischof, gelten meine herzlichen Grüße und Segenswünsche

 

im Herrn Ihr

Benedictus XVI.

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Zur Person:

Josef Pieper (1904-1997) war Professor für Philosophische Anthropologie an der Universität Münster; Mitglied mehrerer Akademien; zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der internationale Balzan-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

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