Nachkonziliare Wirrnisse (1988)

 

Konzilien seien jederzeit von großen Wirrnissen begleitet gewesen, so sagt, inmitten der heftigen Diskussion um das Erste Vatikanische Konzil, John Henry Newman. Diesen Satz habe ich mir, mehr als dreißig Jahre vor dem Zweiten Vatikanum, in meiner deutschen Ausgabe der Newman-Briefe mit besonders dicken Bleistiftstrichen angekreuzt, noch nicht ahnend natürlich, welch akute Bedeutung er einmal für mich selbst haben würde.

Von solchen also höchst erwartbaren Wirrnissen soll im folgenden die Rede sein – nicht in prinzipieller Allgemeinheit oder gar Vollständigkeit, sondern einzig sofern sie mich selber betroffen und betroffen gemacht, erzürnt, erschreckt, geärgert und

 

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zum Widerspruch herausgefordert haben. Mein alter Fahrtenkumpan, der Leipziger Oratorianer Werner Becker, hat kurz vor seinem Tode in einem Rundbrief an seine Freunde gesagt, das Zweite Vatikanum habe ihm alle seine Wünsche erfüllt. Dieser Meinung, so habe ich ihm geantwortet, könne man nur sein, solange man sich an das in den Konzilsdekreten ausdrücklich Gesagte halte, nicht aber, wenn man all das hinzubedenke, was tatsächlich im Gefolge des Konzils, und oft genug unter Berufung auf seinen »Geist«, an trostloser Verarmung und sogar an schlichter Sinnwidrigkeit auf den Plan getreten sei.

Da steht etwa in der Liturgie-Konstitution des Konzils zu lesen: »Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang.« Wo aber kann man ihn noch wirklich hören und mitsingen? Das Requiem für unseren Sohn Thomas, gefeiert Ende Juli 1964, also fast anderthalb Jahre vor dem Abschluß des Konzils, ist bis zum heutigen Tag der letzte, in einer Pfarrkirche zelebrierte, von der ganzen Gemeinde im Gregorianischen Choral mitgesungene liturgische Gottesdienst geblieben, an den ich mich erinnern kann. – Wer nicht das Glück hat, in einer Stadt zu wohnen, in der es hin und wieder einen Pfarrer geben soll, der, ohne »Traditionalist« zu sein, allsonntäglich ein Choral-Amt feiert, muß schon in einer Bischofsstadt zu Hause sein oder ein Benediktinerkloster besuchen können – wofern er sich nicht, was doch immer ein Surrogat bleibt, beschränken mag auf das Anhören der allerdings großartigen Schallplatten, mit denen die Mönche der Abtei Münster-Schwarzach die Choralmessen der großen Feste des Kirchenjahres wieder zugänglich gemacht haben. Indem man freilich die ehedem jedermann bekannten Gesänge vernimmt, wird einem nicht ohne Trauer und Scham bewußt, welch unermeßlichen Schätze die katholische Christenheit leichtfertig weggeworfen und, vielleicht schon unwiederbringlich, verloren hat.

Wahrscheinlich hat dieser Verlust damit zu tun, daß Gregorianik und Latein von Natur zusammengehören. Und wiederum ist die Liturgie-Konstitution des Konzils zu zitieren, die in der Tat schwer Vereinbares fordert. Einerseits heißt es darin: »Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll erhalten bleiben«; anderseits soll zugleich der Volkssprache »ein weiterer Raum zugebilligt werden«. – Immerhin kommt mir zu diesem schwierigen Thema eine Erinnerung in den Sinn, die vielleicht bewahrt

 

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zu werden verdient. Vor dem Ersten Weltkrieg hat mein Vater, während ich neben ihm auf der Orgelbank saß, die ländliche Schola seines weltabgeschiedenen westfälischen Dorfes Sonntag für Sonntag ein Choral-Amt singen lassen; damals haben sich auch mir die wiederkehrenden Gesänge von zwei, drei Choralmessen unverlierbar ins Gedächtnis eingeprägt, so daß ich, wenn sie heute einmal gesungen werden, weder Text noch Noten brauche. Vorsänger war in jenen Jahren der Dorfschmied, der auch in seiner Schmiede sang, natürlich Lieder ganz anderer Art. Wenn es ihm übrigens im Hochamt besonders feierlich zumute war, fügte er ein münsterländisch rollendes »r« in das Amen ein. Doch lasse ich es mir nicht so leicht einreden, diese Sänger und auch die bäuerliche Gemeinde hätten überhaupt nicht verstanden, was Kyrie eleison heißt und was Gloria, Credo und Sanctus besagen. – Anderseits wird auch niemand leugnen, daß den Millionen asiatischer, afrikanischer und auch amerikanischer Katholiken die lateinische Kultsprache fremd bleiben muß.

Allerdings gibt es noch einen anderen, selten erwähnten Aspekt, der gleichfalls bedacht sein will. Ich meine den unaufhebbar sakralen Charakter der liturgischen Sprache. Sakralität besagt Unterschiedenheit und Anders-Sein im Vergleich zu der planen Normalität, wie sie, natürlich ganz zu Recht, den Alltag der Menschen bestimmt. Sakralität bedeutet ausdrücklich Abgrenzung gegenüber der trivialen Durchschnittlichkeit des Lebensvollzuges sonst. Das kann freilich nur dem begreiflich werden, der davon überzeugt ist, daß es, inmitten des alltäglichen Daseins, jenes radikal Unalltägliche wirklich gibt, welches wir mit den Namen »Geheimnis« und »Mysterium« meinen. Es ist das ganz und gar Unalltägliche göttlicher Gegenwart, das natürlicherweise vom Menschen auch die Antwort eines »anderen« Verhaltens, auch des Sprechens, fordert.

Die Verteidiger einer »entsakralisierten«, das heißt, einer auch in der Kirche und im Gottesdienst der durchschnittlichen Redeweise möglichst nahen oder gar mit ihr identischen Sprache, haben sich im Streitgespräch mit mir gelegentlich auf eine offizielle »Instruktion« berufen, die solche sprachlichen Freiheiten erlaube und sogar empfehle. Natürlich habe ich sogleich nach diesem gar nicht leicht aufzutreibenden und seltsamerweise in französischer Sprache abgefaßten Dokument (vom 25.

 

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Januar 1969) gefahndet; doch habe ich darin dann nicht die Spur irgendeiner Duldung oder gar Befürwortung trivialer Alltagsrede aufzuspüren vermocht. Der theologisch wohlfundierte Text fordert zwar, die Übersetzung in die Volkssprache müsse auch dem einfachen Menschen verständlich sein; im übrigen aber stehe auch sie unter dem Anspruch, »Stimme der Kirche« zu sein, »die zu ihrem Herrn redet«; und in der Liturgie, so wird gesagt, sei das Wort nicht bloß Verständigungsmittel, sondern »zugleich mysterium«. Es ist demnach nicht nur eine Geschmacklosigkeit, sondern eine dem Wesen der Liturgie widersprechende Ungehörigkeit, Menschen, die sich beim Eintritt in die Kirche mit geweihtem Wasser bekreuzigt und das Allerheiligste niederkniend verehrt haben und damit in den »anderen«, den »heiligen« Weltbezirk eingetreten sind, zu Beginn der Meßfeier einen »schönen guten Abend« zu wünschen oder sie, wie die Fernseh-Ansagerin, »herzlich zu begrüßen«. So sehe ich mich also durch die als sie selber sprechende Kirche bestätigt in meiner schon manches Mal geübten und übrigens durchweg erfolgreichen Praxis, mir diese Art Anrede zu verbitten.

Mit dem Wort vom mysterium, welches die Sprache der Liturgie immer »zugleich« sei, ist aber nun ein anderes Element der sakralen Sprache benannt, das zwar schwer ins genaue Wort zu fassen ist, aber eine dennoch sehr konkrete Bedeutung besitzt. Ich meine das Element der umschreibenden Verhüllung, des »Schleiers«, wodurch das Geheimnis vor der Dreistigkeit eines allzu unumwundenen sprachlichen Zugriffs geschützt wird. Das ist der Punkt, auch ein Wort von eben der Fremdsprachigkeit zu sagen, für die wir heute wahrscheinlich zu wenig Verständnis haben. Durch sie nämlich kann vielleicht etwas vernehmlich oder doch ahnbar bleiben, das die direkte Benennung eher zu verdecken pflegt. Hier gibt es eine gewisse Analogie zum üblich gewordenen Stil des Sprechens über Sexualität, der durch seine respektlos-physiologische Drastik eine ganze Dimension der Wirklichkeit, gerade das spezifisch Humane, »hinwegzuleuchten« droht. – Ich weiß nicht, wie oft ich im münsterischen Paulus-Dom die durch den Bischof vollzogene österliche Taufwasser-Weihe mitgefeiert habe. Vor allem erinnere ich mich an Clemens August von Galen, der mit seiner wenig klangvollen, etwas gequält wirkenden Stimme, indem er jeweils die brennende Osterkerze in das Wasser hinabließ, drei Mal in verschie

 

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dener Tonhöhe sang: Descendat in hanc plenitudinem fontis virtus Spiritui Sancti. Hunderte von Menschen hörten es in schweigender Ergriffenheit und sahen der symbolischen Handlung zu. Und ich bin davon überzeugt, daß hier trotz der lateinischen Sprache das in Wahrheit geheimnisvoll Geschehende dem gläubigen Verständnis auch des einfachen Christenmenschen auf unvergleichlich bewegendere Weise nahegebracht worden ist als es durch den nun an die Stelle jener hymnischen Worte getretenen, zwar völlig deutlichen, aber auch trostlos kahlen, kargen und frigiden deutschen Text jemals geschehen kann: »Es steige hinab in dieses Wasser die Kraft des Heiligen Geistes!« Ich fürchte sogar, daß der vielzitierte »junge Mensch von heute«, vor allem wenn dann auch noch, wie ich es erlebt habe, zum beinahe einzigen Mal im Jahr das Weihrauchfaß herbeigeholt wird, nicht nur nicht ergriffen sein, sondern sich eher fragen wird, ob nicht das alles »Hokuspokus« sei. Der Bischof von Münster hat mir, nach dem ersten Vollzug des neuen Ritus, erschreckt und fast bestürzt gesagt: »Wenn ich es doch wenigstens hätte singen können!« – Das Missale Romanum spricht unverändert von der plenitudo fontis. Statt dessen zu sagen »dieses Wasser«, ist offenbar eine allzu armselige Verkürzung. Wenn es aber anderseits zu »poetisch« sein sollte, von »diesem überströmenden Quell« zu reden – warum dann nicht, in diesem besonderen, obwohl vielleicht gar nicht einzigen Fall, den lateinischen Text einfach beibehalten und ihn freilich nicht sprechen, sondern singen? Jedenfalls ist hier wie auch sonst die zugleich wortgetreue wie sinngemäße Übertragung ins Deutsche das eigentliche, leider oft genug ungelöst gebliebene Problem.

Natürlich gab es schon seit Jahrzehnten in Deutschland brauchbare Übersetzungen der Messe. Ich selbst habe bereits vor dem Zweiten Weltkrieg an einem deutschen Sonntagsmeßbuch mitgearbeitet, das von drei westdeutschen Bistümern zum ersten Mal ihrem offiziellen »Diözesangebetbuch« eingefügt worden ist; das war durchaus etwas Neues. Aber nun, nach dem Konzil, war es begreiflicherweise notwendig geworden, eine für die Altar-Meßbücher des ganzen deutschen Sprachgebietes verbindliche Übersetzung zu schaffen. – Schon zu den ersten, noch wenig planvollen Anfängen dieses weitgreifenden, schwierigen Unternehmens wurde ich durch den mir freundschaftlich verbundenen Joseph Pascher, seit Jahren in München lehrend, zur

 

[Pieper, Werke, Ergänzungsband 2, Autobiographische Schriften III: Eine Geschichte wie ein Strahl, II. Kapitel, Hamburg 2003, S. 527-548]

 

 

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Zur Person:

Josef Pieper (1904-1997) war Professor für Philosophische Anthropologie an der Universität Münster; Mitglied mehrerer Akademien; zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der internationale Balzan-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

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